Wichtelaufstellung und braune Wurzelsuppe

Am 23.06.2018 soll Sahra Wagenknecht bei einer Veranstaltung der kremlistischen Querfront -firmiert als neue Friedensbewegung- sprechen. Damit spricht sie bei einer Veranstaltung, deren Schirmherren wegen wirrer Verschwörungsideologie, antisemitischen Ausfällen und Flirts mit dem rechts(-esoterischen) Rand bekannt sind. Während Wagenknecht gern und notorisch jedes nationalistische Töpfchen mitnimmt, überlegt es sich die Königin der rotbraunen Herzen (und auch viele blaue Fliegen ihr zu) vielleicht ja aus publicity-Gründen doch noch einmal anders.

Die Stars und Sternchen der Friedensbewegung, allen voran Daniele Ganser und Ken Jebsen, genießen von rechts bis links große Zustimmung. Vor allem in esoterischen Kreisen kommen sie gut an – sie bauen ihre Reden und Vorträge nach einfachem Gut- und Böseschema auf, die gesamte Vortrags- und auch die dargebotene Denkweise ist als esoterisch zu bezeichnen. Ob die Tatsache eine Rolle spielt, dass sie ehemalige Waldorfschüler sind?

Ob es Vorträge an Waldorfschulen sind – oder ihre Interviewopfer und Co-Referenten bei Vortragsabenden aus dem Steinermilieu stammen: Neben der die Grundthematik bestimmenden ausgeprägten Hingabe zu russicher Friedenspolitik und Despotien weltweit, ist Waldorf bei Jebsen, der sich als Waldorfschüler als besonders widerspenstig inszeniert, immer mal wieder Thema. So wurde gerade jüngst ein KenFM-Waldorfmeeting inszeniert, das nach der üblichen Opferinszenierung von Jebsen und Ganser spätestens dann mein Auge nicht mehr trocken ließ, als der Waldorfschulenlehrer Thomas Meyer von den Katastrophen von Atlantis und Lemurien referierte. Wie der verwirrte Steiner ihn zum positiven geprägt hätten, dazu ließ er sich vorher aus. Dass in den Waldorfschulen rassistische -und auch NS-okkulte- Literatur zum Lehrmaterial gehört, dies ist zum Beispiel über das Buch Atlantis und die Rassen bekannt, die Verbindungen zwischen Nationalsozialismus und Antroposophie bzw Theosophie sind bekannt. Sehr gut werden die Inhalte des Büchleins, in dessen Genuss wohl auch Ganser und Jebsen gekommen sind, hier beschrieben. Die ganze Veranstaltung soll „im Rahmen von Steiner“ laufen, wie Jebsen während der Märchenstunde dem gut zahlenden Publikum erläutert. Ein anderer Referent, Elias Davidsson, vertritt die kranke und menschenverachtende These, dass es keine Anschläge durch Islamisten auf der ganzen Welt gegeben habe – alles sei inszeniert, auch der Anschlag auf dem Breitscheidplatz. Einen guten Artikel zu der Veranstaltung gab es in der Jungle World und im Tagenanzeiger.

ganser narzisse.gif

„Wir müssen Hitler annehmen, um von ihm frei zu werden“

In wenigen Wochen gibt es, neben der Stop-Ramstein-Wichtelei, eine Veranstaltung besonderer Art, die für Sektenforscher interessant sein dürfte: Daniele Ganser, vor ein paar Wochen erschien auch ein mit ihm geführtes Interview in der rechtsradikalen Postille „Blaue Narzisse“, tritt neben Jebsen auch mit dem verqueren Familienaufsteller Franz Ruppert auf, der gewiss ein paar Lines vom guten Steinergeist zuviel nahm. Er steht für eine widerliche und kritisierte Ausformung von Familienaufstellungen, die immer wieder Menschen psychisch zugrunde richtet. Wie auch der „Friedensforscher“ Ganser, tritt Ruppert gewohnheitsmäßig mit seinen happeningmäßigen Aufstellungen vor großem Publikum auf, ganz so wie es seriös arbeitende Therapeuten machen. Daniele Ganser ist der Veranstalter dieses Events, bei dem seine Fans dann auch gleich ihren Frieden mit HItler schließen können.

Ruppert vertritt aubzulehnende Einstellungen, ähnlich solchen, die neben vielen anderen Esoterikern zum Beispiel auch von der Christlichen Wissenschaft vertreten werden: „Jede Krankheit hat eine seelische Ursache„. Franz Ruppert setzte sich für seinen ebenfalls schaustellernden Familienaufsteller-Kollegen Bert Hellinger ein und bezieht sich in seinen Ausführungen auf ihn. Nach Bert Helligers Aufstellungen und dem Einflößen von Schuld hatten sich auch durch die Aufstellung traumatisierte Menschen schon umgebracht. Texte von Franz Ruppert werden auch bei Rubikon veröffentlicht – bei Rubikon sitzt Daniele Ganer im Vorstand.

Ausführungen von Franz Ruppert sind teils NS-verharmlosend und stark täterentlastend, auch wird Täter-Opfer-Umkehr praktiziert. Der an der FH München lehrende Professor Klaus Weber äußert sich deutlich zu Ruppert, hier exemplarisch zu dem Buch Verwirrte Seelen:

„Ruppert widmet in seinem Buch Adolf Hitler und der Erklärung dessen persönlichen Schicksals mehr als 30 Seiten. Eingebettet ist diese Psychologisierung und Individualisierung des deutschen Faschismus in verharmlosende und die Deutschen entschuldende Floskeln zur Nazi-Zeit. So reiht Ruppert umstandslos unter diejenigen, die durch „das menschenverachtende Regime Hitlers und seiner Helfershelfer“ (252) verwirrt wurden, „Täter- wie Opferfamilien, in denen wir die Auswirkungen der schrecklichen Vergangenheit an den Verwirrtheitssymptomen der später Geborenen ablesen können“(…)Was Hellinger wie Ruppert in ihren Ausführungen zum deutschen Faschismus und bei ihrer Darstellung der jüdischen Opfer betreiben, ist das, was als Missbrauch der Opfer bezeichnet werden kann.(…)Rücksichtslos und sie auf eine Stufe mit den Tätern stellend beutet Ruppert die Erfahrungen von Juden dafür aus, um seine Theorien der familiär bedingten Traumatisierungen sowie der Ordnungssysteme, deren Verlassen psychisch krank mache, zu stützen.Mit der Objektivierung und Funktionalisierung der Opfer- Erfahrungen für die eigene Theorie und damit ihrem Missbrauch korrespondiert die permanente Entlastung der deutschen Täter. Fast durchweg schreibt Ruppert, wenn er den deutschen Faschismus thematisiert, über den „Zweiten Weltkrieg“ (252) bzw. über „Kriegssituationen“ (172). Damit liegt nahe, dass er in einem nächsten Schritt die Soldaten und deren Leiden besonders hervorhebt: „Kriegsfolgen sind die schwersten Traumafolgen. Selbst die Gruppe der Kriegsgewinner zahlt einen horrenden Preis an körperlichen, seelischen und wirtschaftlichen Schäden“ (ebd.). Nicht nur, dass Ruppert über die Kategorie des Leids und der seelischen Verletzungen Opfer- und Täterhandlungen auf eine Stufe stellt. Darüber hinaus „vergisst“ er über seine Thematisierung des Kriegs diejenigen, die gar nicht im Kriegszustand mit dem Deutschen Reich standen: die Juden. Das von ihnen Erlittene, das in kohärenter Sprache kaum zu fassen ist, weil die Erlebnisse selbst keine Kohärenz aufweisen, wird von Ruppert schlicht und einfach übergangen. Diesem „Vergessen“ der Überlebenden-Erfahrungen steht die Behauptung gegenüber, die deutschen Täter hätten schlimmeres erlebt als die Juden: die schwersten Traumafolgen.“(…)Ein weiterer Skandal ist es, dass Ruppert sich nicht scheut, historisch komplexe Zusammenhänge mit seinem Familienbindungsmodell erklären zu wollen. So stellt er Adolf Hitler als eine Person dar, dessen „menschliche Seele zerbrochen“ sei und der auch wegen seiner Familiengeschichte ein „emotional völlig gestörter Außenseiter und Sonderling“ gewesen sei. In seinem aktuellen Seminar an der Katholischen Stiftungsfachhochschule beschäftigt sich Ruppert mit Hitlers „Gefühlen“ und behauptet in seinem Vorlesungsskript, wir müssten „Hitler annehmen, um von ihm frei zu werden“. Sowohl diese Art psychologisierender und pathologisierender Erklärung eines komplexen historischen Phänomens als auch die Propagierung reaktionärer Ordnungsfeststellungen als Grundlage gesunder Bindungen zwischen Menschen zeigen, dass Ruppert eins vor allem nicht am Herzen liegt: Verständnis für Menschen, die Probleme in und mit ihrem Leben in dieser Gesellschaft haben. (Klaus Weber)

Professor Klaus Weber wurde übrigens für seine deutliche Analyse von Ruppert verklagt – und gewann. In einem hörenswerten Vortrag zu Reaktionärer Esoterik, in dem auch Rudolf Steiners Antroposophie behandelt wird, äußert sich die Referentin Claudia Barth auch zu Franz Ruppert.

Das problematische Vorbild von Franz Ruppert, Bert Hellinger, soll seine Aufstellungen vor Publikum von circa 50 Personen dargeboten haben. Franz Ruppert zieht seine Shows bislang mit 50 Teilnehmern durch- es ist wohl damit zu rechnen, dass er durch die Zusammenarbeit mit Jebsen und Ganser nun auch vor größerem Publikum seine Scharlatanerieaufführen kann. Ruppert doziert an der Katholischen Stiftungshochschule München, dort hat man wohl Verständnis für seine abzulehnenden Äußerungen – ob dort auch Ganser unterkommen kann?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s